Funkmikrofon im Test: Insta360 Mic Pro – mehr als eine Funkstrecke
| Joachim Sauer
Auf den ersten Blick scheint es ein ganz normale Funkmikrofon zu sein – doch genaugenommen will Insta360 mit dem Mic Pro ein universell nutzbares Mikrofon bieten und integriert neben einem personalisierbaren Display ein Mikrofon-Array. Wir haben das Gerät getestet.
IM TEST: Insta360 Mic Pro (2 Sender + 1 Empfänger), 329 Euro
Insta360 hat schon länger Mikrofone im Portfolio, ist aber hier, ganz im Gegensatz zu den 360-Grad-Kameras, noch nicht mit innovativen Lösungen aufgefallen. Mit dem Mic Pro will man das ändern, wobei das offensichtlichste Merkmal das personalisierbare E-Ink-Display an den Sendern ist. Statt die Marke des Mikrofonherstellers heftet man sich oder seinen Interviewpartnern so das eigene Logo ans Rever. Das ist schick – aber viel innovativer ist es, dass statt einem Mikrofon gleich drei in das runde Gehäuse integriert sind. Damit lässt sich die Richtcharakteristik ändern und das Mikrofon nicht nur als Funkmikrofon, sondern auch als Richtmikrofon auf der Kamera herhalten soll, wobei man hier sogar noch die Ausrichtung bestimmen und auch die Umgebung oder nach hinten ausgerichtet den Ton einfangen kann. Das klingt nach einer perfekten Lösung, wenn man nur ein Mikrofon im Budget hat – auch wenn das Mic Pro mit 329 Euro keine günstige Funkstrecke, aber vielleicht eine lohnende Einsteigerlösung ist? Wir wagen mal wieder den Soundcheck und liefern im Video die passenden Tonbeispiele.
Joachim Sauer hat mit dem Funkmikrofon gedreht – nicht nur in Interview-Situationen, sondern bei einem Event auch als Richtmikrofon auf der Kamera.
GRUNDEINSTELLUNGEN
Mehr Möglichkeiten bedeutet zwangsläufig immer auch mehr Einstelloptionen, weshalb wir den Empfänger erstmal am Smartphone anstecken. Hierüber lässt sich das Display des Mikrofons konfigurieren, wobei man sowohl ein Bild respektive eine Logografik auswählen und zudem eine Beschriftung hinzufügen kann, damit man die zwei Sender auseinanderhalten kann. Unser VA-Favikon passt perfekt auf das Display. Wenig Zeichen und eine klare Grafik ist das, was gut aussieht. Schon unser, immer noch sehr klar strukturiertes, VIDEOAKTIV.tv-Logo sieht nicht mehr ganz ausgewogen aus und bei der Umsetzung eines filigraneren Kundenlogos wird dann klar, warum man nicht nur „solid“ das Logo darstellt, sondern eine Option findet die „natürliche“ Darstellung zu beeinflussen. Denn am Ende ist es eben ein E-Ink-Display, das keine ganz farbechte und realistische Darstellung hat. Der Vorteil des Displays: Nur beim Übermitteln der Daten, respektive des Logos verbraucht das Display Strom. Anschließend ist die Grafik stets auf dem Display sichtbar und da das Display zudem matt ist spiegelt es auch im Licht des Sets nicht.
Einfache Grafiken funktionieren auf dem E-Ink-Display besser als filigrane Logos – dennoch wirkt es auf eigenen Kanälen, aber auch beim Kunden klasse, wenn er mit dem Mikro sein Logo auf die Brust gesteckt bekommt.
Alle Einstellungen lassen sich via App, aber auch recht komfortabel über das Display am Empfänger treffen. Da das Mikrofon mehr kann als eine reine Funkstrecke muss man auch hier noch die passende Priorität setzen: Die Omnidirektionale Ausrichtung nutzt alle drei Mikrofone und ist für passende Hintergrundgeräusche ideal. Nutzt man das Mikrofon als Tonquelle auf der Kamera wird meist die Richtcharakteristik gut sein – sollen Protagonisten auch hinter der Kamera zu hören sein, wählt man den klassischen Achtermodus mit einer Vorn/Hinten-Ausrichtung. Als Funkmikrofon direkt am Interviewpartner ist dagegen die enge Richtcharakteristik gut. Bedauerlicherweise kann man diese Einstellungen immer nur für beide Sender machen – dabei wäre es ja ideal, man könnte den einen auf der Kamera nutzen und den zweiten mit anderer Sprach-Richtcharakteristik am Protagonisten anstecken. Im Zusammenspiel mit den passenden Kameras ist es sinnvoll die 32-Bit Float-Aufzeichnung zu aktivieren und wer auf Nummer sicher gehen will, lässt den Sender zudem noch eine Aufzeichnung auf den 32 GB großen internen Speicher machen. Zudem wichtig: In der Grundeinstellung gibt der Empfänger immer ein Monosignal aus und mischt entsprechend die beiden Signale der Sender zusammen. Meistens dürfte es dagegen sinnvoller sein eine Stereoausgabe zu haben, da sich so leichter getrennten Tonquellen in der Nachbearbeitung optimieren lassen.
Das Display ist zwar klein, doch die Bedienlogik relativ simpel und entsprechend schnell zu verstehen, so dass man das vergleichsweise umfangreiche Menü gut bedienen kann.
HANDHABUNG
Wie inzwischen üblich hat das Standardset des Mic Pro zwei Sender, einen Empfänger und alle drei Geräte finden in einer Ladeschale Platz, die selbst nochmal einen Akku (2815 mAh) hat und so für eine längere Akkulaufzeit sorgt. Wobei wir feshalten können; 10 Stunden Betriebszeit für Sender und Empfänger sind etwas optimistisch, doch einen Drehtag mit den üblichen Abschaltzeiten der Kamera – das bekommt das Mic Pro hin. Zumal sich der Sender an der Kamera orientieren und mit ihr abschalten kann. Zudem bietet die Ladeschale Platz für die zwei Klemmen der Sender sowie die alternativen Magnetclips. Damit man diese nutzen kann müssen die Klemmen von den Sendern entfernt werden, was derart beherztes Schieben nötig macht, dass man sich das Anfangs kaum traut. Die Klemmen benötigt man dagegen wieder, wenn der Sender als Richtmikrofon oben auf den Sender soll. Was die Sender nicht bieten, sind Mikrofoneingänge für Lavalier-Mikrofone. Der Empfänger hat einen Mikroausgang, wobei Insta360 das passende TRS-Kabel mitliefert, sowie ein Kopfhörerausgang zur Kontrolle.
Dass die Klammern nicht ganz so leicht vom Sender zu entfernen sind weiß auch Insta360 und signalisiert dies beim Ausliefern mit einem Kleber, der darauf hinweist. Wie fest man dazu drücken muss, will man aber kaum glauben – mit der Zeit klappt das dann aber doch ganz gut.
PRAXIS
Insta360 verspricht eine durch KI-trainierte Geräuschunterdrückung die mit eingenem NPU-Prozessor Hintergrundgeräusche reduziert. Dabei soll die Stimme „nicht wie üblich abflachen oder abstumpfen, aber dennoch Wind, Publikumslärm und Umgebungsgeräusche gut reduziert werden.“ Das klingt zuerstmal vielversprechend und man kann festhalten: Die Geräuschunterdrückung funktioniert wirklich hervorragend und sorgt dafür, dass selbst lautes Aufkreischen im Publikum im Mikrofon des Sprechers kaum wahrnehmbar ist. Allerdings empfinden wir den Ton durchaus als dumpf und mit durch fehlende Höhen wenig brillant. Allerdings kann man festhalten, dass dies eigentlich nur bedingt der Geräuschunterdrückung zuzuschreiben ist. Als Sprechermikrofon ist das durchaus erträglich, im direkten Vergleich zu unserer Referenz im Video ist der Sound auch ohne Geräuschunterdrückung immer noch etwas zu dumpf. Wobei wir nicht den Eindruck erwecken mögen, die Tonqualität sei schlecht – die Verständlichkeit ist prima, aber eben wenig brillant. Im Bereich Content Creation halten wir dies für tolerierbar – ein Sender wird wahrscheinlich wenig begeistert sein, es sei denn man trickst etwas und schickt den Ton durch eine Audioverarbeitung.
Die Geräuschunterdrückung funktioniert tatsächlich extrem gut, ohne dass es die Qualität weiter beeinträchtigt. Wobei uns insgesamt der Ton zu dumpf ist.
Bei unserem Event war klar, dass die Band laut und dominant wird. Deshalb haben wir im Vorfeld die maximale Dämpfung eingestellt und auf die 32-Bit Float Aufnahme gesetzt. Das hat sich auch bewährt, denn der Ton bleibt so auch bei hohem Schalldruckpegel immer im grünen Bereich – beziehungsweise lässt sich nachträglich verlustfrei in den grünen Bereich ziehen. Gut ist zudem die interne Aufzeichnung, zumal die maximale Reichweite sehr optimistisch mit 200 Metern angegeben in der Praxis bereits bei knappen 50 Metern bei simpler Körperabdeckung unterbricht. Wichtig ist zudem zu wissen, dass die Aufnahmen alle 30 Minuten automatisch geteilt werden, damit die Dateigrößenbeschränkung nicht zu einer Unterbrechung langer Aufnahmen führt. Entsprechend setzt man diese einfach in der Timeline wieder zusammen – letztlich ist das nicht besonders elegant, aber auch nicht weiter dramatisch.
Die interne Aufnahme auf den 32-GB-Speichern der Mikrofonsender ist ein inzwischen üblicher Mehrwert, der gepaart mit der 32-Bit-Float Technik Sicherheit für einen guten Ton gibt.
PROFI-OPTIONEN
Testen konnten wir die direkte Verbindung mit Insta360 Kameras via Bluetooth, was so einfach wie gewohnt klappt. Das Mic Pro bietet jedoch zwei weitere Besonderheiten, die wir mangels weiterer Mikrofonsender nicht testen konnten: Im 4-zu-1-Modus werden vier Transmitter mit einem einzigen Empfänger verbunden – sprich man kann gleichzeitig vier Mikrofone verbinden, und somit vier isolierte Spuren ausgibt. Dasselbe gilt für den 2-zu-4-Modus der die Option bietet zwei Mikrofone auf bis zu vier Empfänger gleichzeitig zu verteilen. Damit lassen sich die Spuren auf allen Kameras identisch aufzeichnen, was die Schnittarbeit erleichtert. Möglich ist das aber derzeit nur in Verbindung mit kompatiblen Sony-Kameras über den optional erhältlichen Kamera-Adapter, wobei man hier dann „nur noch“ 48 kHz 24-Bit-Digitalaudio über alle vier Spuren ermöglicht. Das Mic Pro unterstützt zudem die Timecode-Synchronisierung. Das System lässt sich über ein 3,5-mm-Audiokabel mit DSLR- und spiegellosen Kameras, über USB-C- oder Lightning-Adapter mit Smartphones verbinden.
Mit dem Timecode richtet sich Insta360 an Profis. Diese können auch bis zu vier Mikrofonsender mit einem Empfänger koppeln können. Die Übermittlung klappt aber derzeit nur mit Sony-Kameras über den Zubehörschuh.
FAZIT
„Schon wieder eine Funkstrecke!“ mag die Reaktion von vielen sein – doch genau so ist es eben nicht, denn Insta360 hat beim Mic Pro deutlich weitergedacht und sie zu einem universelleren Tonwerkzeug entwickelt. Das individualisierbare Display ist dabei nur das Pünktchen auf dem i, das bekanntlich oft entscheidend ist. Es ist ein Vorteil, weil man die eigene Marke sichtbar macht oder weil man beim Kunden dessen Logo bestückt, positiv auffällt. Deshalb spielt es auch keine Rolle, dass die Mikrofonsender deutlich größer ausfallen.
Letztlich ist der Hauptunterschied aber das deutlich ausgeweitete Nutzungskonzept, das aus der Funkstrecke ein Kameramikrofon für ganz unterschiedliche Anwendungen macht. Der einzige Haken ist, dass sich die zwei Sender nicht mit unterschiedlichen Charakteristiken nutzen lassen – und dass sich kein Lavalier-Mikrofon anschließen lässt. Aber hier schließt sich der Kreis zum Thema Display, das mit Lavalier nicht mehr sichtbar wäre. Doch wahrscheinlich wäre das der Trick der Funkstrecke nicht nur einen passablen, sondern einen sehr guten Ton zu spendieren. Die Idee mit dem Mirofon-Array führt derzeit zu einem zwar in vielen Fällen gut nutzbaren, aber wenig brillanten Ton. Immerhin: Wer in lauter Umgebung dreht, bekommt tatsächlich eine der derzeit wirkungsvollsten Geräuschunterdrückungen.
+individualisierbares Display + verschiedene Mikrofon-Charakteristiken + interne 32-Bit Float-Aufnahme + sehr gute Nebengräusch-Reduzierung o guter, aber kein sehr guter Ton - kein Eingang für Lavalier-Mikrofone
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