Praxistest: DJI Osmo 360 II – das neue 360-Grad-Topmodell
| Jonas Schupp
Etwa ein Jahr, nachdem sich DJI mit der ersten Osmo 360 auf das Terrain von Insta360 vorgewagt hat, soll nun das Nachfolgemodell dem großen Konkurrenten den Rang ablaufen. Gelingt das?
IM TEST: DJI Osmo 360 II, 589 Euro
Bei 360-Grad-Kameras liefern sich DJI und Insta360 derzeit einen engen Schlagabtausch. Erst kürzlich hatte Insta360 mit der X6 vorgelegt, nun kontert DJI mit der Osmo 360 II und wildert damit erneut auf Insta360-Terrain – welche wiederum mit der Antigravity A1 und der Luna Ultra bei DJI wilderten. Gelingt DJI mit der neuen Osmo 360 die Retourkutsche? Das wollten wir im Test wissen, auch wen dieser Test kein direkter Vergleich der beiden Kameras ist – denn diesem widmen wir uns in einem eigenen Artikel.
Joachim Sauer war mit der DJI Osmo 360 II auf dem Wasser und zeigt im Video, was die Kamera kann und warum sie die bessere Actioncam ist.
GEHÄUSE
Auf den ersten Blick ist die Mark II nicht von ihrer Vorgängerin zu unterscheiden, wäre da nicht der seitlich angebrachte Name. Wie üblich, setzt die Kamera das Signal aus zwei Einzelbildern zusammen, wozu jeweils ein 1,1-Zoll-Sensor an der Vorder- und Rückseite mitsamt einem Objektiv mit einem Blickwinkel von über 180 Grad zusammengerechnet werden. Neu gegenüber der Vorgängerin ist, dass die gewölbten Schutzlinsen nun austauschbar sind, dazu bietet DJI wie Insta360 ein optionales Austausch-Kit (39 Euro) an. Im GoPro-Stil gehalten, besitzt die Osmo 360 II einen Kontrollbildschirm im Querformat sowie das übliche Schalter-Layout aus drei Tasten für Power, Aufnahme sowie einer Custom-Taste, die standardmäßig mit der Vorschau-Umschaltung zwischen den beiden Kameras belegt ist. Auf der Unterseite besitzt die Kamera neben einer Aufnahme für DJIs Actioncam-Halterung auch ein Gewinde, womit man das Gerät einfach auf Stative oder Selfie Sticks schrauben kann.
Der Bildschirm ist berührungsempfindlich, mit einem Druck auf die einzelnen Symbole kommt man einzelne Untermenüs.
FORMATE UND AUFLÖSUNGEN
Das große Plus von 360-Grad-Kameras ist die Aufnahme des gesamten Umfelds und die damit verbundene Freiheit, in der Nachbearbeitung den Bildausschnitt zu wählen und damit nichts zu verpassen. Die Osmo 360 II zeichnet Rundumvideos mit 8K und bis zu 60 Vollbildern pro Sekunde auf. Genau hier setzt sie sich von der Insta360 X6 und der ersten Osmo 360 ab, die beide maximal 50p erreichen. Wichtig wird das in NTSC-Regionen wie den USA oder Japan, aber auch, wenn man im Social-Media-Bereich arbeitet, wo 30 Bilder pro Sekunde die Norm sind. Mit der Osmo 360 II bekommt man so nicht nur eine bessere Bewegungsauflösung, sondern auch die Möglichkeit einer leichten Zeitlupe mit halber Geschwindigkeit.
8Kp60 dürfte vor allem Filmende auf der anderen Seite des Atlantiks freuen, die nun eine bessere Bewegungsauflösung bekommen und leichte Zeitlupen umsetzen können.
8K klingt nach unnötig viel Auflösung, ist aber notwendig, da man in 360-Grad-Aufnahmen immer reincroppen und seinen Ausschnitt wählen muss, um ein verzerrungsfreies Bild zu bekommen. In 8K bleibt damit genug „Fleisch“ für 4K-Videos, darunter bietet DJI 6K mit ebenfalls maximal 60 Bildern pro Sekunde an, was für Full HD-Videos reicht. Erst im quadratischen Selfie-Modus erreicht die Kamera in 3K-Auflösung bis zu 120, bei 2K bis zu 240 Bilder pro Sekunde. Die Panorama-Aufnahmen speichert die Osmo dabei in DJI eigenem .osv-Format, welches wir nur in DJIs eigenen Software-Lösungen öffnen konnten. Dazu jedoch später mehr, erwähnt werden muss noch die Zeitlupen-Funktion mit bis zu 240p und 4K-Auflösung sowie der Spotlight Follow-Modus, in welchem die Kamera bei maximal 30p unter Ausnutzung des vollen Panoramas Objekte verfolgt und dieses Video dann ausgibt. Auch hier ist bei 4K Schluss.
In das rohe Ausgangssignal muss man für ein verzerrungsfreies Bild reincroppen, was die hohe Auflösung erklärt.
EINZELCAM-AUFNAHME
Wer die Osmo 360 II hingegen wie ein klassische Actioncam verwenden möchte, kann das in der Einzelcam-Aufnahme tun. Hier zeichnet man, wenig überraschend, nur mit einer Kamera entweder in 4K oder 2,7K im 16:9- oder 4:3-Format auf. Dabei kann man jedoch wie beim Smartphone zwischen den Kameras wechseln, was für Vlog-Aufnahmen interessant sein dürfte. Ebenso ist die Wahl des Bildöffnungswinkels möglich, solange man nicht im höchsten Stabilisierungs-Modus ist. Gespeichert wird dann klassisch im MP4-Container, wahlweise auf einer eingelegten microSD-Karte oder auf dem mit 105 Gigabyte groß ausgefallenen internen Speicher. Ob 360 Grad oder „klassisch“, die maximale Bildwiederholrate ist im normalen Aufnahmemodus immer 60p.
Neben 4K kann man im Einzelcam-Modus auch in 2,7K filmen, maximal sind im Normalmodus 60 Bilder in der Sekunde möglich.
APP UND STUDIO
Wie bei anderen DJI-Kameras ist zur dauerhaften Nutzung eine Aktivierung über die eigene Mimo-App nötig, ohne Registrierung lässt sich die Kamera nur fünfmal einschalten – ein unnötiger Zwang, den wir weiterhin kritisieren. Immerhin ist die Mimo-App einfach zu bedienen: Clips lassen sich auf das Smartphone übertragen, reframen, bearbeiten und direkt für soziale Netzwerke ausgeben. Videographen dürften jedoch eher auf DJIs Studio-Software für den Schnittrechner zurückgreifen, mit der man einfacher Keyframes und Perspektiven setzen kann. Was man bei beiden Anwendungen aber berücksichtigen sollte: die Stock-Musik ist urheberrechtlich geschützt und resultiert bei der Social-Media-Nutzung in einem Copyright Claim. Wer also beispielsweise seine YouTube-Videos monetarisieren möchte, sollte auf andere Anbieter oder die Audio-Bibliotheken von YouTube, Meta oder den jeweiligen Plattformen setzen.
DJI Studio lief in unserem Test stabil und ist für Einsteiger umfangreich genug, um nicht noch ein weiteres Schnittprogramm verwenden zu müssen.
Eine weitere Möglichkeit der Nachbearbeitung ist das direkte Exportieren aus dem Studio und dann die weitere Nachbearbeitung im Schnittprogramm der Wahl – in unserem Fall Adobe Premiere Pro. Die Konkurrenz von Insta360 und GoPro bieten dafür eigene Reframe-Plugins an, mit welchen man die Aufnahmen wie im Studio bearbeiten und animieren kann. DJI bietet kein Plugin an, die Konkurrenz-Plugins funktionieren aber auch mit den Osmo 360 II-Clips. Praktisch ist hier das GoPro-Plugin, in welchem wir dank Linsenkurven-Regler in fast jeder Perspektive den Horizont gerade biegen konnten.
Das Reframe-Plugin von GoPro harmonierte im Test gut mit den DJI-Aufnahmen.
BILDSTABILISIERUNG
Bei 360-Grad-Kameras funktioniert die Bildstabilisierung anders als bei normalen Actioncams, denn hier wird die Aufnahme für ein optimales Stitching nicht direkt stabilisiert. Die Stabilisierung und Horizont-Begradigung führt man dann in App oder Studio durch, wobei das Ergebnis ein quasi vollständig ruckelfreies Video ist – wenig überraschend, da die Algorithmen das gesamte 360-Grad-Bild ausnutzen können. Anders sieht es bei der Einzelcam-Aufnahme aus, bei welcher die elektronische Stabilisierung wie bei klassischen Actioncams direkt eingreifen muss. Das gelingt sehr gut, ohne jedoch ganz das Niveau von Osmo Action oder GoPro Hero 13 respektive Mission 1 zu erreichen. Wie bei DJI üblich, empfinden wir „Rocksteady“ als völlig ausreichend, bei „Rocksteady Plus“ stören digitale Verzerrungen die Aufnahme, zudem kann man hier nicht mehr den Bildwinkel wählen.
Neben dem Öffnungswinkel ist in der Einzelcam-Aufnahme auch die Stabilisierung auswählbar, bei 360-Grad-Aufnahmen erfolgt diese nachträglich.
BEDIENUNG
Auch wenn die Kameramenüs zwischen Rundum- und Actioncam-Betrieb unterscheiden, bleibt die Bedienlogik beim bekannten DJI-Schema. So ruft man beispielsweise mit einem Wischen von oben nach unten das Hauptmenü auf, währen man im Vorschau-Bildschirm mit einem Druck auf das jeweilige Symbol man in Pre- und Loop-Recording-Moni oder die Bildeinstellungen gelangt oder vergangene Aufnahmen aufruft. Im Hauptmenü besitzen die einzelnen Einstellungen kleine Piktogramme, was für Einsteiger etwas Eingewöhnung erfordert, dann aber flüssig von der Hand geht. Gesten- und Sprachsteuerung ist ebenso möglich wie die Fernsteuerung über die Mimo-App.
Im Hauptmenü besitzt jeder Punkt eine kleine Kachel mit Piktogramm, was dem Actioncam-Standard entspricht. Nach kurzer Eingewöhnung findet man sich sofort zurecht.
TON
Vier eingebaute Mikrofone erfassen den Ton aus verschiedenen Richtungen. Die Richtungsinformation dient dabei wohl vor allem der intelligenten Rausch- und Windunterdrückung: Wird ein Mikrofon stark vom Wind getroffen, kann die Kamera dessen Signal zurücknehmen. Ausgegeben wird dann ganz klassische Stereospur. Im Praxiseinsatz arbeitet die Reduzierung unserem Eindruck nach gut und vergleichsweise intelligent. Die Sender der zahlreichen Funkstrecken von DJI lassen sich direkt mit der Kamera verbinden, sei es das kürzlich erschiene Mic Mini 2S oder ältere Modelle. Der Versuch mit dem Insta360 Mic Pro scheiterte dagegen trotz Bluetooth-Schnittstelle – zwischen den beiden Zubehörsystemen gibt es also keine freie Austauschbarkeit. Wie bei anderen Actioncams ist auch die Pegelung etwas umständlich über das Tonmenü.
Für die Verbindung mit Bluetooth-Funksendern hat die Osmo 360 II ein eigenes Tonmenü.
STITCHING
Dadurch, dass 360-Grad-Kameras zwei Signale zusammenrechnen müssen, entsteht zwangsläufig an der Schnittstelle zwischen den beiden Kameras eine Kante. Wie stark diese ausfällt, hängt letztendlich von der Kamera sowie der Entfernung vom Objekt ab. Grundsätzlich ist bei aktuellen 360-Grad-Kameras die sogenannte Stitching-Kante ab etwa einem Meter Abstand zur Kamera verschwunden ist. DJI wirbt mit einem Mindestabstand von 75 Zentimetern, wir würden jedoch noch ein paar Zentimeter Sicherheitsabstand geben, um Verzerrungen vorzubeugen. In der Nachbearbeitung kann man zwischen zwei Stitching-Varianten wählen. Das „Optical Flow-Stitching“ ist soweit bekannt und sorgt für einen möglichst minimalen Übergang und biegt sich dafür auch gerne mal das Bild etwas zurecht, was beispielsweise zu leicht verformten Armen im unmittelbaren Nahbereich führt. Neu ist das „Hochintelligente KI-Stitching“, was zwar einen sanfteren Übergang erzielen soll, nach unserem Eindruck aber eine größere unscharfe Zone um die Stitching-Kante erzeugt und damit nicht automatisch die bessere Wahl ist.
Wie alle 360-Grad-Kameras besitzt auch die Osmo 360 II eine Stitching-Kante, hier bei Abständen von unter 75 cm zu den Schmalseiten.
BILDEINDRUCK
Und wie sieht das Kamerabild der Osmo 360 II nun aus? Um es kurz zu machen: sehr gut. DJI spricht von einem Bildeindruck wie bei Kameras mit 1-Zoll-Sensoren, wir können aber keinen Unterschied zu Kameras mit ähnlichen Sensorgrößen, ob kleiner oder größer, feststellen. Was uns jedoch gefällt ist die Schärfe in den Details, was einen deutlichen Sprung gegenüber dem Vorgängermodell darstellt. Mit D-Log M verfügt die Osmo zwar nur über DJIs „kleines“ Log-Profil, dennoch kann sie mit guter Bilddynamik und Farbwiedergabe punkten und erreicht dabei fast das Niveau einer GoPro Max 2.
Mit den starken Kontrasten aus strahlendem Sonnenschein und dunklen Bergflanken kam die Osmo 360 II abgesehen von Lens Flare-Effekten gut zurecht.
FAZIT
Einen Vorteil der Osmo 360 II haben wir bisher noch nicht erwähnt: sie wird nicht so warm wie beispielsweise die X6, bei welcher wir uns im Test beinahe die Finger verbrannt haben. Nach den Einzeltests beider Kameras steht für die VIDEOAKTIV-Redaktion nun der Vergleich beider Topmodelle miteinander an, wer sich aber jetzt schon für die Osmo entscheidet, wird auf jeden Fall nichts falsch machen. Vor allem, wenn man bereits DJI-Geräte besitzt, wird man die umfangreiche Kompatibilität sowie die Tatsache, dass die Osmo 360 II die gleiche Akkuform wie die Action-Serie nutzt, zu schätzen wissen.
Wirkliche Schwachpunkte können wir der Osmo 360 II abseits der üblichen Gängelung durch die Zwangsregistrierung nicht unterstellen. Klar, D-Log anstatt D-Log M wäre noch besser gewesen und das neue KI-Stitching hat uns auch nicht überzeugt, doch sind das gemessen am Produkt keine echten Mängel. Demgegenüber steht ein gutes, scharfes Bild mit natürlicher Farbwiedergabe sowie eine – nach kurzer Eingewöhnung – einfache Bedienung, ob per App oder am Gerät selbst. Durch die 360-Grad-Abdeckung bleibt man variabler als mit klassischen Actioncams, ohne dabei an Qualität einzubüßen – einzig mit geringeren Bildwiederholraten muss man leben. Wenn man keine Angst vor etwas Nachbearbeitung hat, erhält man mit der Osmo Action II eine super Actioncam, die mehr kann als nur Action.
+scharfes Bild mit guter Dynamik + Kompatibilität mit Osmo Action-Akkus + 8K mit bis zu 60p o KI-Stitching mit mehr Unschärfe als Optical Flow-Stitching - Registrierung über DJI Mimo-App zwingend erforderlich
Jetzt vergleichen in der
DATEN
DATEN UND TESTERGEBNISSE
Hersteller
DJI
Modell
Osmo 360 II
Preis
589 Euro (Standard Combo) 739 Euro (Adventure Combo) 99 Euro (Akku-Verlängerungsstab) 39 Euro (Linsen-Austausch-Set) 49 Euro (Schwerlastklemmen-Set)
Mit der A1 bringt Antigravity seine erste Drohne auf den Markt. Hinter der neuen Marke steht die 360-Grad-Kompetenz von Insta360 – und genau die prägt das Konzept. Aber wie gut sind die 360-Grad-Videos und wie fliegt sich die erste Drohne…
Zwei Brennweiten, großer Sensor, Drei-Achs-Gimbal - das Rezept klingt sehr identisch. Aber welche Gimbal-Kamera von DJI oder Insta360 setzt sich in der Praxis durch?
IM TEST: DJI Osmo Pocket 4P, 599 Euro Insta360 Luna Ultra,…
Die Insta360 X6 ist die sechste Generation der 360-Grad-Kamera, mit neuer Baurorm, anderen Sensoren und KI-Prozessor. Wir haben die Kamera intensiv bei mehreren Dreh- und Fotoeinsätzen getestet.
IM TEST: Insta360 X6, 699 Euro getestet…